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Gastbeitrag von Maram Stern stellv. Generalsekretär Jüdischer Weltkongress

„Hören Sie auf, aus Opfern Täter zu machen“

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

 

Ich saß während der Münchner Sicherheitskonferenz im Saal, als Sie wortreich das „Holocaust-Gesetz“ Ihrer Regierung zu verteidigen suchten. In Berlin erklärten Sie nur einen Tag zuvor, man möge doch „aus einer Mücke keinen Elefanten machen“.

 

Aber in München haben Sie es dann selbst gemacht mit Ihrer Bemerkung, man müsse doch keine Strafe befürchten, wenn man behaupte, „dass es polnische Täter gab, so wie es jüdische Täter gab, so wie es russische Täter gab, so wie es ukrainische und nicht nur deutsche Täter gab.“

 

Herr Ministerpräsident,

 

Diese Aussage hat mich fassungslos gemacht – auch wenn sie von Ihnen eher beschwichtigend gemeint war.

 

Ich bin Jude mit deutscher Staatsbürgerschaft, 1955 in Berlin geboren, aber meine Mutter und mein Vater waren beide Polen. Sie überlebten nur durch glückliche Umstände den Holocaust.

 

Mein Vater stammte aus einem Ort bei Lodz und berichtete uns Kindern häufig vom alltäglich spürbarem Judenhass, den es dort schon lange vor dem Einmarsch der deutschen Truppen gab.

 

Meine Mutter wuchs in Warschau auf. Wie oft hörte ich sie sagen, dass sie sich selbst während der deutschen Besatzung mehr vor ihren polnischen Nachbarn als vor den deutschen Soldaten gefürchtet hatte. Sie wurde schließlich von Nachbarn verraten und kam ins Warschauer Ghetto. Später wurde sie nach Auschwitz deportiert und überlebte nur durch großes Glück.

 

Die Denunziation von Juden war damals häufig und wurde von den deutschen Besatzern bewusst gefördert.

 

Doch es gab auch Pogrome an Juden, die von Polen an jüdischen Mitbürgern initiiert wurden, zum Beispiel in Jedwabne 1941. Es gab solche Pogrome sogar nach 1945, wie jenes in Kielce im Jahr 1946. Historiker schätzen, dass mindestens 1,000 jüdische Holocaust-Überlebende in Polen nach 1945 gewaltsam ums Leben kamen.

 

Das alles gehört zur Wahrheit dazu: Viele in meiner Generation haben von ihren Eltern ähnliche Geschichten gehört. Kein Gesetz der Welt wird uns verbieten, darüber zu sprechen, was unsere Eltern oder Großeltern durchmachen mussten.

 

Aber gab es während der deutschen Besatzung Polens jüdische Täter? Wen genau meinen Sie damit denn…?

 

Herr Ministerpräsident,

 

Sie stellen mit einem höchst umstrittenen Gesetz nicht nur die absolut falsche und irreführende Bezeichnung „polnische Todeslager“ unter Strafe.

 

Ihr Gesetz stellt droht sogar Gefängnis alljenen an, die behaupten, Polen hätte irgendeine wie auch immer geartete Mitverantwortung an der Verfolgung und Ermordung von Juden durch Nazi-Deutschland gehabt.

 

Dieses Gesetz dient nicht der Wahrheitsfindung. Es dient vielmehr der Einschüchterung von Historikern, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, Licht in das dunkleste Kapitel europäischer Geschichte zu bringen.

 

Polen hatte vor dem Krieg die größte jüdische Gemeinde der Welt. Über drei Millionen polnische Juden wurden in der Shoah ermordet. Heute gibt es nur noch eine kleine Gemeinde dort. Und trotz alledem grassiert der Antisemitismus weiter.

 

Was tun Sie, was tut Ihre Regierung dagegen?

 

Ihr Gesetz jedenfalls heilt keine alten Wunden, es fördert nur neue Ressentiments. Es kommt im Gewande der historischen Wahrheit daher, ist aber in Wirklichkeit ein Deckmäntelchen, das einen Teil der geschichtlichen Wahrheit zudeckt.

 

Die polnische Nation war das erste Opfer der Aggression Hitler-Deutschlands. Polen hat im Zweiten Weltkrieg einen schrecklichen Blutzoll bezahlt. Es waren die Deutschen, die Polen besetzten und dort Vernichtungslager errichteten. Es gab keine polnischen Vernichtungslager. Jemand, der dies bestritte, wäre ein schrecklich dummer Mensch, den niemand ernstnehmen könnte. Solche Leute gibt es, aber sie sind eine kleine Minderheit.

 

Mehr noch: Viele Polen haben unter dem Risiko, von Deutschen hingerichtet zu werden, Juden bei sich versteckt. Die meisten Gerechten unter den Völkern waren polnische Bürger. Sie waren Helden, Schutzengel, Menschen, und glauben Sie mir: Für uns Juden werden Irena Sendler, Gertruda Bablinska, W?adys?aw Bartoszewski, Jan Dobraczy?ski, Irene Gut Opdyke, Wanda Makuch-Korulska, Jan Karski und die vielen Tausend andere immer Helden bleiben.

 

Wir Juden können nicht vergessen, was unseren Familien in der Shoah angetan wurde. Wir vergessen ganz sicher nicht jene, welche in der Stunde der größten Not unseren Eltern beigestanden haben. Denn ohne diese Gerechten wären viele von uns gar nie geboren worden.

 

Wir werden aber auch nicht schweigen, wenn Versuche unternommen werden, Geschichtsklitterung zu betreiben, und Teilaspekte der eigenen Geschichte unter den Teppich zu kehren. Das verhöhnt meine Eltern, das schafft böses Blut.

 

Daher bitte ich Sie eindringlich, als Sohn zweier polnischer Juden: Hören Sie auf, aus Opfern Täter zu machen.

 

Zeigen Sie Größe und nehmen Sie dieses Gesetz zurück.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Maram Stern

stellv. Generalsekretär

Jüdischer Weltkongress

 

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